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Es scheint allen, teuerster Zanobi und Luigi, die darüber nachdenken, eine erstaunliche Tatsache, daß viele oder die meisten derer, die in dieser Welt Größtes bewerkstelligt haben und unter ihren Zeitgenossen herausragten, von niedriger Geburt und dunkler Abkunft waren oder von Fortuna über alle Maßen drangsaliert worden sind; denn sie alle wurden entweder ausgesetzt oder hatten einen so wenig achtbaren Vater, daß sie sich seiner schämten und sich als Söhne Jupiters oder irgend eines anderen Gottes ausgaben. Sie alle durchzugehen, wäre eine langweilige Angelegenheit und dem Leser kaum zuzumuten, sind sie doch jedem wohlbekannt; da also überflüssig, unterlasse ich es. Ich bin überzeugt, der ganze Sachverhalt rührt daher, daß Fortuna, indem sie der Welt beweisen will, daß sie es ist, die die großen Männer macht und nicht deren eigene Klugheit, zu einer Zeit ihre Kräfte spielen läßt, zu der die Klugheit auf uns noch keinen Einfluß haben kann, so daß alles ihr zu danken sei.

Castruccio Castracani aus Lucca war ein solcher Fall; und er, gemäß den Zeiten, in denen er lebte, wie auch der Stadt, in der er zur Welt kam, bewerkstelligte Größtes und war, gleich den anderen, weder glücklicherer noch bekannterer Herkunft: wie man der Betrachtung seines Lebenslaufes entnehmen wird. Dieses Leben wollte ich den Menschen in Erinnerung bringen, da ich in ihm vieles gefunden zu haben glaube, das für Tugend (virtù - Anmerkung des Autors) und Fortuna gleichermaßen ein vollkommenes Beispiel bietet. Und ich wollte es euch widmen, die ihr mehr als andere meiner Bekannten Taten von großer Tüchtigkeit zu schätzen wißt.


"Das Leben Castruccio Castracanis aus Lucca - Vorwort und Widmung"



Als ich die innere und äußere Geschichte des florentinischen Volkes zu schreiben beschloß, war meine Absicht anfänglich, meine Erzählung mit dem Jahre 1434 nach Christi Geburt anzufangen, der Zeit, wo die Familie Medici durch die Verdienste Cosimos und seines Vaters Giovanni mehr Gewalt als irgendeine andere in Florenz gewann. Denn ich dachte, Messer Lionardo von Arezzo und Messer Poggio, zwei vortreffliche Geschichtsschreiber, würden alle Begebenheiten, die sich vor dieser Zeit zugetragen, ausführlich beschrieben haben. Später aber las ich ihre Schriften aufmerksam, um zu sehen, nach welchen Regeln und Formen sie im Schreiben zu werke gegangen sind, damit durch ihre Nachahmung unsere Geschichte mehr den Beifall der Leser erhalte. Ich fand nun, dass sie zwar in der Beschreibung der Kriege der Florentiner mit den auswärtigen Fürsten und Völkern sehr sorgfältig gewesen sind, dass sie aber die bürgerliche Zwietracht und die inneren Feindschaften und ihre Wirkungen zum Teil ganz verschwiegen, zum Teil so kurz beschrieben haben, dass es dem Leser weder Nutzen noch Unterhaltung gewähren kann. Ich glaube, sie taten dies entweder, weil ihnen diese Begebenheit so unbedeutend schienen, dass sie sie nicht für würdig hielten, dem Gedächtnis aufbewahrt zu werden, oder weil sie die Nachkommen derer zu verletzen fürchteten, die bei der Erzählung hätten angeklagt werden müssen.


"Teil I Vorrede Geschichte von Florenz"



Diese beiden Beweggründe scheinen mir – es sei gesagt ohne ihnen zu nahe zu treten – großer Männer völlig unwürdig. Denn wenn irgend etwas in der Geschichte ergötzt oder belehrt, so sind es die ausführlichen Beschreibungen der Begebenheiten; wenn irgendeine Schrift für die Bürger nützlich ist, welche die Republiken verwalten, so ist es die, welche die Ursachen des Hasses und der Spaltung der Städte darlegt, damit sie, weise durch fremde Gefahr, sich einig halten können. Und wenn jedes Beispiel einer Republik anregt, so regen die, welche man von der eigenen liest, noch viel mehr an und sind viel nützlicher. Und wenn es in irgend einer Republik bemerkenswerte Spaltungen gab, so sind es die von Florenz. Denn der größere Teil der Republiken, von denen man Nachrichten hat, begnügten sich mit einer Spaltung, durch welche sie je nach den Ereignissen ihre Stadt entweder erhoben oder gestürzt haben. Florenz hingegen begnügte sich nicht mit einer, sondern hat mehrer durchgemacht. In Rom entstand, wie jedermann weiß, nach Vertreibung der Könige die Entzweiung zwischen Adel und Volk, und darin erhielt es sich bis zu seinem Sturz. So Athen, so alle anderen Republiken, welche in jenen Zeiten blühten. In Florenz hingegen spaltete sich zuerst der Adel unter sich, dann der Adel und das Volk, und zuletzt das Volk und der Pöbel; und oft kam es, dass eine dieser Parteien nach ihrem Siege sich in zwei spaltete. Durch diese Spaltungen entstand so großes Blutvergießen, erfolgten so viele Verbannungen, so viele Familien gingen unter, als nie in irgend einer Republik, von der man Nachrichten hat. Und fürwahr, nach meinem Urteil scheint mir kein anderer Beweis so sehr die Macht unserer Stadt darzutun, als der, welcher in diesen Spaltungen selbst liegt.

Denn während sie Kraft genug gehabt haben würden, die größte und mächtigste Republik zu vernichten, schien die unserige immer größer zu werden. So groß waren jene Bürger, solche Macht lag in ihrem Geiste und so fest war ihr Wille, sich und ihr Vaterland zu erheben, dass immer die, welche von so großen Übeln frei blieben, Florenz mehr durch ihre Tüchtigkeit erhöhen konnten, als es die Verderblichkeit der Ereignisse, die es geschwächt hatten, hatte herabdrücken können. Und ohne Zweifel, wenn Florenz so glücklich gewesen wäre, nach seiner Befreiung vom Kaiserreich eine Regierungsform anzunehmen, die die Einigkeit erhalten hätte, so weiß ich nicht, welche Republik in neuer oder alten Zeit Florenz überlegen wäre, so groß war die Fülle seiner Kraft an Waffen und Kunstfleiß. Denn nachdem es die Gibellinen in so großer Zahl aus seinen Mauern vertrieben hatte, dass Toskana und die Lombardei voll von ihnen war, stellten die Guelfen und die, welche in der Stadt blieben, im Kriege mit Arezzo, ein Jahr vor der Schlacht bei Campaldino, 1200 Schwere Reiter und 12000 Mann Fußvolk eigener Bürger ins Feld. Später im Kriege mit Philipp Visconti, Herzog von Mailand, als die Kraft des Kunstfleißes, nicht die eigenen Waffen – denn diese waren in jener Zeit vernichtet – zu erproben war, gaben die Florentiner in den fünf Jahren, die dieser Krieg dauerte, fünf Millionen Gulden aus, und nach beendigten Kriege belagerten sie, missvergnügt über den Frieden, um die Macht ihrer Stadt besser zu beweisen, Lucca.


"Teil II Vorrede Geschichte von Florenz"