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Ich mag daher nicht zu erkennen, aus welchem Grunde diese Spaltungen keine ausführliche Beschreibung verdienen sollten.

Und wenn jene vortrefflichen Schriftsteller zurückgehalten wurden, weil sie das Andenken der Männer nicht angreifen wollten, von welchen sie zu sprechen hatten, so täuschten sie sich, sie zeigten geringe Kenntnis des menschlichen Ehrgeizes und des Verlangens der Menschen, ihren und ihrer Vorfahren Namen zu verewigen. Sie erinnerten sich nicht, dass viele, denen die Gelegenheit fehlte, durch lobenswerte Handlungen Ruf zu erwerben, ihn durch schändliche Dinge zu erwerben gestrebt haben. Sie bedachten nicht, dass die Geschäfte, die Größe in sich haben, wie Regieren und Staatenlenken, wie sie auch gehandhabt werden, und welches Ende sie haben mögen, stets den Menschen mehr Ehre als Tadel zu bringen scheinen.

Die Erwägung dieser Dinge bewog mich zur Änderung meines Plans, und ich beschloß, meine Geschichte mit dem Ursprung dieser Stadt zu beginnen. Da es aber meine Absicht nicht ist, fremde Stellen einzunehmen, so werde ich bis zum Jahre 1434 nur die Begebenheiten im Innern der Stadt beschreiben und von den auswärtigen nichts anderes sagen, als was zum Verständnis der innern nötig ist. Nach dem Jahre 1434 werde ich sodann beide Teile ausführlich beschreiben. Damit man ferner diese Geschichte besser und jederzeit verstehe, werde ich, ehe ich von Florenz handle, beschreiben, durch welche Übergänge Italien unter die Mächte kam, die es jetzt regieren. Alle diese Begebenheiten, sowohl italienische als florentinische, werden mit vier Büchern beendigt sein.

Das erste Buch wird kurz alle Ereignisse erzählen, die sich vom Sinken des römischen Reiches bis zum Jahre 1434 in Italien zugetragen haben.

Das zweite Buch wird mit seiner Erzählung vom Ursprung der Stadt Florenz bis zu dem kriege kommen, der nach Vertreibung des Herzogs von Athen mit dem Papste geführt wurde.

Das dritte Buch wird mit dem Tode des Königs Ladilaus von Neapel 1414 endigen.

Mit dem vierten Buch werden wir bis zum Jahr 1434 kommen, von welcher Zeit an sodann die inneren und äußeren Begebenheiten der Stadt Florenz bis auf unsere Zeit ausführlich beschrieben werden sollen.


"Teil III Vorrede Geschichte von Florenz"



Verdammt, Luigi ! Wie doch Fortuna in ein und derselben Sache die Menschen unterschiedlich bedenkt. Ihr habt eine zum Vögeln, Ihr habt sie gehabt und wollt gleich noch mal. Ich dagegen war hier schon eine ganze Weile und war ganz blind vor Verlangen. Da traf ich eine Alte, die mir die Wäsche macht. Sie wohnt im Souterrain, und Licht kommt nur zur Tür herein. Wie ich eines Tages dort vorbeigehe, erkannte sie mich und begrüßte mich lauthals. Sie lud mich ein, hereinzukommen, weil sie mir einige schöne Hemden zum Kauf zeigen wollte.

Ich Einfaltspinsel fiel doch glatt darauf herein und wie ich drinnen war, sah ich im Zwielicht eine Frau mit einem Tuch über Kopf und Gesicht, die recht verschämt tat und in einer Ecke blieb. Die alte Vettel nahm mich bei der Hand, führte mich zu ihr und sagte:"Das ist das Hemd, das ich Euch verkaufen will, aber ich will, daß Ihr es erst probiert, und dann werdet Ihr es bezahlen". Ein bißchen schüchtern wie ich bin, war ich ganz verblüfft. Die Alte aber verließ den Raum, und machte die Tür zu. Weil ich mit der anderen im Dunkeln blieb, stieß ich ihr ihn rein. Und obwohl sie ganz welke Schenkel, eine feuchte Möse hatte und ein bißchen aus dem Mund roch, war ich so ver-zweifelt geil, daß ich sie einfach vögeln mußte. Wie ich fertig war, wollte ich mir diese Ware doch ein bißchen anschauen, nahm einen Span vom brennen-den Herd und zündete damit eine Laterne an der Decke an. Holla! Beinahe wäre ich tot umgefallen, so häßlich war dieses Weib. Sie hatte zwar einige halb graue, halb schwarze Haare, aber der Hinterkopf war ganz kahl und über diese Kahlheit sah man die Läuse marschieren. Die wenigen Haare, die sie hatte, fielen ihr über die Stirn bis auf die Augenbrauen. Mitten auf dem kleinen runzeligen Kopf hatte sie ein Feuerzeichen, wie man es den Tieren an der Säule auf dem Mercato Vecchio aufdrückt. Auf jedem Büschel der Augen-brauen klebten Läuseeier. Von den Augen schaute eins nach oben, eins nach unten, und eins war größer als das andere, beide aber waren voller eitriger Tränenflüssigkeit und ganz ohne Wimpern. Die Nase war ganz nach oben gestülpt, ein Nasenflügel aufgeschnitten und voller Rotz. Der Mund erinnerte an den von Lorenzo dem Prächtigen, aber auf einer Seite auch noch schief, und da lief der Speichel heraus, weil sie ihn, zahnlos wie sie war, nicht zurückhalten konnte. Auf der Oberlippe hatte sie einen langen, aber dünnen Bart. Das Kinn lief spitz zu und war leicht nach oben gebogen, wovon noch ein kleiner Hautzipfel bis zum Halsansatz herunterhing. Wie ich dieses Monster völlig verwirrt anstarrte, bemerkte sie es und wollte sagen "Was habt Ihr, mein Herr?", aber sie sagte es nicht, weil sie stotterte. Und in dem Moment, als sie den Mund aufmachte, kam ein fürchterlicher Gestank heraus. Meine beiden Eingänge zu den allerempfindlichsten Sinnen, Nase und Augen, waren dadurch so getroffen und mein Magen reagierte so empfindlich, daß er diese Beleidigung nicht mehr ertragen konnte, es kam mir alles hoch und ich erbrach mich auf sie. Und mit dieser Bezahlung, die sie wohl verdient hatte, verschwand ich. Ich verwette dafür meinen Platz im Himmel, daß mir, solange ich in der Lombardei bleibe, die Lust vergangen ist. Ihr aber sollt Gott dafür danken, daß Ihr Hoffnung auf weiteres großes Vergnügen haben könnt, und ich will ihm auch dafür danken, daß ich die Angst verloren habe, daß mir jemals mehr ein solches Mißvergnügen passieren kann..."


"Brief an Luigi Guicciardini (8. Dezember 1509)"



Ungeordnete Leute fürchten sich immer vor geordneten. (Kriegskunst, 5. Buch)

Ziehe viele darüber zu Rate, was du tun sollst, aber teile nur wenigen mit, was du ausführen willst. (Kriegskunst, 7. Buch)

Die Masse der Menschen lässt sich ebensogut mit dem Schein abspeisen wie mit der Wirklichkeit; ja, häufig wird sie mehr durch den Schein der Dinge als durch die Dinge selbst bewegt. (Discorsi, 1. Buch)

Die Menschen sind nun einmal so, dass einer Freunde nur dann kriegt, wenn er schmeichelt, und Feinde, wenn er die Wahrheit sagt. (Andria, I. Akt)

Wenn man etwas verliert, was man selbst preisgibt, so verliert man damit -- vorausgesetzt, dass da Heer noch geschlossen steht -- weder sein militärisches Ansehen noch die Hoffnung auf den Sieg. Verliert man aber etwas, was man halten wollte und von dem jedermann glaubt, dass man es verteidigen wird, dann ist es schädlich und verlustreich. (Discorsi, 3. Buch)

Die Menschen werden hauptsächlich von zwei Haupttrieben beherrscht: von Liebe und Furcht. Es beherrscht sie also gleichermaßen derjenige, der ihre Liebe gewinnt, wie der, der ihnen Furch einflößt; ja meistens findet sogar der, der ihnen Furcht einflößt, mehr Folgsamkeit als der, der ihnen Liebe entgegen bringt. (Discorsi, 3. Buch)

Je mehr Macht die Menschen haben, um so mehr missbrauchen sie diese und werden übermütig. (Geschichte von Florenz, 2. Buch)

Oft erzeugt ein schwacher Anfang große Wirkungen, da die Menschen geneigter sind, sich einem schon begonnenen Unternehmen anzuschließen, als es selber zu beginnen. (Geschichte von Florenz, 7. Buch)

Oft erreicht man rascher mit minderer Gefahr und mit geringeren Kosten seinen Zweck, indem man den Rücken zu wenden scheint, als indem man mit Gewalt und Hartnäckigkeit ein Ziel verfolgt. (Geschichte von Florenz, 2. Buch)

Man darf nie glauben, der Feind handle, ohne zu wissen, was er tut. (Kriegskunst, 5. Buch)

Wenn Reformen dauerhaft sein sollen, müssen sie langsam durchgeführt werden. (Über die Reform des Staates Florenz)


"Ausgewählte Sentenzen 1"