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Es muß nichtsdestoweniger der Fürst dich dergestalt fürchten machen, daß, wenn er die Liebe auch nicht gewinnt, er den Haß doch vermeide (da es sehr wohl zusammen bestehn kann, gefürchtet, und nicht gehaßt zu werden, welches er immer erreichen wird, so lange er sich des Eigenthums seiner Unterthanen und Bürger, und ihrer Frauen enthält): und wenn er dennoch genöthigt wäre, gegen das Leben eines derselben zu verfahren, darf er's nicht thun ohne hinreichende Rechtfertigung und in die Augen springende Gründe. Aber vor allem muß er sich fremden Besitzes enthalten, weil die Menschen eher dem Tod des Vaters, als den Verlust des Erbguts verschmerzen. Ausserdem fehlt es, die Güter zu nehmen, niemals an Gründen, und immer findet Einer, der sich vom Raube zu leben gewöhnt, Anlässe, des Fremden sich anzumaaßen: hingegen wider das Leben sind sie seltener, und fehlt eher daran.

Wenn aber ein Fürst mit den Heeren ist, und eine Menge Soldaten befehligt, dann ist es ganz unerläßlich, sich um den Namen des Grausamen nicht zu kümmern; weil ohne diesen Namen niemals ein Heer in Einheit noch geneigt für eine Sache erhalten ward. Unter die staunenswürdigen Thaten des Hannibal wird auch die gezählt, daß in dem ungeheuern Heere, welches er, aus unzähligen Menschenarten gemischt, in ein fremdes Land zu Führung des Krieges geleitet hatte, sich niemals weder unter ihnen, noch gegen den Fürsten ein Zwiespalt erhub, sowohl in seinem schlimmen Glück, als auch im guten: wovon nichts andres der Grund seyn konnte, als diese seine unmenschliche Grausamkeit, die, nebst seinen unzähligen Tugenden, ihn immer ehrwürdig und furchtbar in den Augen seiner Leute erhielt, und ohne die seine anderen Tugenden jene Wirkung hervorzubringen nicht ausgereicht hätten.


"Teil III Der Fürst - Kapitel XVII - Von der Grausamkeit und der Mitleid und ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt"



Die unbedachtsamen Schriftsteller gleichwohl bewundern auf der einen Seite diese seine Handlungen, und auf der andern verdammen sie die wesentlichste Ursach derselben. Und wie wahr es sey, daß seine übrigen Tugenden ihm nicht ausgereicht hätten, lehrt Scipio, einer der Seltensten, nicht blos in seinen Tagen, sondern im ganzen Angedenken der Dinge, von denen man etwas weiß. Wider diesen empörte sich seine Armee in Spanien, woran nichts andres Schuld war als seine zu große Güte, die den Soldaten mehr Freiheit zugestanden hatte, als mit der Kriegszucht sich vertrug. Fabius Maximus warf ihm dieß im Senate vor, und nannte ihn den Verderber der römischen Miliz. - Die Lokrer, die ein Legat des Scipio geplündert hatte, wurden von ihm nicht gerächt, noch dieses Legaten Frechheit gezüchtigt, alles Folgen dieser seiner gelinden Natur. So daß Jemand, der im Senat ihn entschuldigen wollte, sagte, es gäbe viele Menschen, welche sich besser darauf verstünden keine Fehler zu begehen, als Andrer Fehler zu verbessern. Welchen Natur mit der Zeit den Ruf und Ruhm des Scipio entstellt haben würden, wenn er im Regimente dabei beharrt wär; aber unter der Leitung des Senates verbarg sich diese schädliche Eigenschaft nicht nur, sondern gereichte zu seinem Ruhme. Ich schließe also, um wieder auf Furcht und Liebe zu kommen, daß, da die Menschen nach ihrem Willen lieben, und nach dem Willen des Fürsten fürchten, sich ein weiser Fürst auf das, was sein, nicht auf das, was der Andern ist, stützen muß. Blos, wie gesagt, den Haß zu meiden muß er sich befleißigen.


"Teil IV Der Fürst - Kapitel XVII - Von der Grausamkeit und der Mitleid und ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt"



Erwägt man also alles bisher Erörterte und überlegt man mit mir, ob gegenwärtig in Italien die Zeitumstände einem neuen Fürsten günstig sind und ob ein kluger und tapferer Mann ihm eine Neugestaltung geben könnte, die ihm selbst und dem gesamten Volke zum Segen gereichte, so scheint mir jetzt so vieles zugunsten eines neuen Fürsten zusammenzukommen, daß ich nicht weiß, ob je eine günstigere Zeit dafür gewesen ist. Und wenn das Volk Israel, wie ich sagte, in der Knechtschaft Ägyptens schmachten mußte, um die großen Gaben des Moses zu erkennen, wenn die Perser von den Medern unterdrückt werden mußten, um die Größe des Cyrus einzusehen, wenn die Athener zerstreut leben mußten, um den Theseus berühmt zu machen, so mußte auch jetzt, damit die Tüchtigkeit eines italienischen Geistes bekannt würde, Italien so tief sinken, wie es geschehen ist, so mußte es sklavischer werden als die Juden, mehr geknechtet als die Perser, zerstreuter als die Athener, ohne Kopf, ohne Ordnung, geschlagen, ausgeplündert, zerrissen, verfolgt und jeder Art von Verderben preisgegeben. Und wenn seither auch dieser oder jener aufgetreten ist, der von Gott gesandt schien, um Italien zu erlösen, so hat man doch gesehen, wie das Schicksal ihn auf der Höhe seiner Laufbahn verworfen hat, so daß Italien immer noch wie tot daliegt und auf den harrt, der seine Verletzungen heilt, der den Plünderungen in der Lombardei, den Erpressungen und Auflagen in der Tos-kana und im Königreich Neapel ein Ende macht und es von seinen durch die Länge der Zeit tief eingefressenen Wunden genesen läßt.


"Teil I Der Fürst - Kapitel XXVI - Aufruf, Italien von den Barbaren zu befreien"