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So trieb ich´s den ganzen September über, dann hörte dieser Zeitvertreib, so wenig wert und sonderbar er auch war, doch zu meinem Leidwesen auf. Welches Leben ich seitdem führe, sollt ihr hören.

Ich stehe mit der Sonne auf und gehe in ein Gehölz, das ich aushauen lassen, dort bleibe ich zwei Stunden, die Arbeit des vorigen Tages nachzusehen und mir mit den Holzhauern die Zeit zu vertreiben, die immer Neckereien haben, entweder untereinander, oder mit den Nachbarn. Über dieses Gehölz hätte ich Euch tausend schöne Sachen zu erzählen, die mir mit Fronsino da Panzano und anderen begegnet sind, die von dem Holze wollten. Fronsino in specie schickte um eine Anzahl Klaster, ohne mir etwas zu sagen, und bei der Bezahlung wollte er mir zehn Lire abziehen, die ich, sagte er, vor vier Jahren bei Antonio Guicciardini im Criccaspiel an ihn verloren hätte. Ich fing einen höllischen Lärm an, wollte den Fuhrmann, der das Holz geholt, als Dieb verklagen, so daß G. Machiavelli sich ins Mittel schlug und einen Vergleich herbeiführte. Battista Guicciardini, Filippo Ginori, Tommaso del Bene und einige andere Bürger nahmen, als der Nordwind blies, jeder eine Klaster von mir. Ich versprach allen, und schickte eines dem Tommaso, das zur Hälfte nach Florenz kam, und, um es aufzusetzen, waren er, seine Frau, die Magd und die Kinder da; es sah aus, als wenn der Fleischer Gaburro am Donnerstag mit seinen Knechten sich anschickt, einen Ochsen zu schlachten. Als ich sah, daß dabei kein Gewinn sei, sagte ich den anderen, ich hätte kein Holz mehr. Das haben sie mir alle gewaltig übelgenommen, namentlich Battista, der dies unter die anderen Staatsunfälle rechnet.


"Teil II Brief an Francesco Vettori - 10. Dezember 1513"



Aus dem Gehölze gehe ich an eine Quelle, und von da an meinen Vogelherd, ein Buch in der Tasche, entweder den Dante oder Petrarca, oder einen der kleineren Dichter, wie Tibull, Ovid und solche. Ich lese ihre Liebespein, ihre Liebeshändel, erinnre mich der meinigen und ergötze mich eine Weile mit diesen Gedanken. Dann begebe ich mich ins Wirtshaus an der Straße, spreche mit den Durchreisenden, frage um Neuigkeiten aus ihrer Heimat, höre verschiedene Dinge und merke mir den verschiedenen Geschmack und die mannigfaltigen Phantasien der Menschen. Unterdessen kommt die Essenszeit heran, wo ich mit meiner Familie Speisen verzehre, wie sie mein armes Landgut und geringes Vermögen zuläßt. Nach Tische kehre ich ins Wirtshaus zurück; dort sind gewöhnlich der Wirt, ein Fleischer, ein Müller, zwei Ziegelbrenner. Mit ihnen vertiefe ich mich den Rest des Tages über ins Criccaspiel oder Trictrac: es entstehen tausend Streitigkeiten; der Ärger gibt tausend Schimpfreden ein. Meistens wird um einen Quattrino gestritten, nichtsdestoweniger hört man uns bis San Casciano schreien. In diese Gemeinheit eingehüllt, hebe ich den Kopf aus dem Schimmel hervor und spotte meines tückischen Geschicks, zufrieden, daß es mich auf diese Weise tritt, weil ich sehen will, ob es sich dessen nicht schämt.


"Teil III Brief an Francesco Vettori - 10. Dezember 1513"



Wenn der Abend kommt, kehre ich nach Hause zurück und gehe in mein Schreibzimmer. An der Schwelle werfe ich die Bauerntracht ab, voll Schmutz und Kot, ich lege prächtige Hofgewänder an und, angemessen gekleidet, begebe ich mich in die Säulenhallen der großen Alten. Freundlich von Ihnen aufgenommen, nähre ich mich da mit der Speise, die allein die meinige ist, für die ich geboren ward. Da hält mich die Scham nicht zurück, mit ihnen zu sprechen, sie um den Grund ihrer Handlungen zu fragen, und herablassend antworten sie mir. Vier Stunden lang fühle ich keinen Kummer, vergesse alle Leiden, fürchte nicht die Armut, es schreckt mich nicht der Tod; ganz versetze ich mich in sie. Weil Dante sagt, es gebe keine Wissenschaft, ohne das Gehörte zu behalten, habe ich aufgeschrieben, was ich durch ihre Unterhaltung gelernt, und ein Werkchen de principatibus geschrieben, worin ich die Fragen über diesen Gegenstand ergründe, so tief ich kann, betrachtend, was ein Fürstentum ist, wie viele Gattungen es gibt, wie man sie erwirbt, wie man sie erhält, warum man sie verliert.

Wenn Euch je eine meiner Grillen gefiel, dürfte Euch diese nicht mißfallen.

Einem Fürsten, besonders einem neuen Fürsten dürfte sie willkommen sein; ich widme sie daher der Durchlaucht Giulianos. Filippo Casavecchia hat sie gesehen, er könnte Euch von der Sache selbst und von unseren Gesprächen darüber Auskunft geben, obwohl ich immer noch zusetze und glätte.

Ihr wünschet, Erlauchter Gesandter, daß ich dieses Leben aufgebe und komme, mich mit Euch des Eurigen zu erfreuen. Ich tue es sicher; was mich jetzt noch zurückhält, sind einige Geschäfte, die ich in sechs Wochen beendigt haben werde. Was mich unentschieden macht, ist, daß jene Soderinis dort sind, die ich gezwungen sein würde, zu besuchen und zu sprechen. Ich würde besorgen, daß ich bei meiner Rückkehr zu Hause abzusteigen dächte, und beim Bargello abstiege; denn obgleich diese Regierung die breitesten Grundlagen hat und große Sicherheit, ist sie tamen neu und deshalb argwöhnisch. Auch fehlt es dort nicht an feinen Leuten, die, um wie Paolo Bertini zu erscheinen, andere die Zeche würden bezahlen lassen, wie, wäre dann meine Sorge. Ich bitte, beruhigt mich über diese Besorgnis, dann werde ich Euch binnen der erwähnten Zeit sicher besuchen.


"Teil IV Brief an Francesco Vettori - 10. Dezember 1513"