Hérault de Séchelles': Theorie des Ehrgeizes

 

Die 'Theorie des Ehrgeizes' aus dem Jahr 1788, eine Sammlung von Anweisungen, wie man es zu geistiger Brillanz und gesellschaftlichem Erfolg bringen könnne, ist nur durch Zufall erhalten geblieben. Stendhal und Büchner haben sich von dem Werk anregen lassen, Walter Benjamin hielt es für eine seiner kostbarsten Entdeckungen. - Ein bedeutendes Zeugnis der vorrevolutionären Gesellschaft Frankreichs.

 

 

Hérault de Séchelles' «Théorie de l'ambition»

 

Ungerecht ist die Geschichte und vergesslich. Ihren vermeintlichen Lieblingen schiebt sie kurzfristig eine Rolle zu, nach zwei turbulenten Aufführungen wird das Stück abgesetzt, der Held fällt in Ungnade, bald ist er vergessen. Das Leben Hérault de Séchelles', 1759 in Verhältnisse hineingeboren, wo die Existenz noch eine ästhetische ist und Dienstboten zur genetischen Mitgift gehören wie haselnussbraune Augen in weichem Gesicht, fügt sich, mit kleinen Ausnahmen, in den Biorhythmus der Ambition: Aufstieg, Höhepunkt, Fall. Doch gewöhnlich ist nichts an diesem Menschen. Prominent ist auch sein Tod. Am 5. April 1794 mit Danton zusammen hingerichtet zu werden, ist nicht jedermanns Vorrecht. Noch auf dem Schafott ist er ein Dandy, ein schöner Mann, ein Aristokrat aus innerer Überzeugung. Georg Büchner wird Hérault de Séchelles in «Dantons Tod» ein apokryphes Denkmal setzen, wird ihn als Spielpfand der Damen, als Vermesser der Venusberge in Szene setzen. Noch im Tod bleibt er ein Beau, ein Frauentraum auch unter dem Fallbeil; die Marktweiber stürzen sich auf seinen guillotinierten Kopf, «aus deinem hübschen Haar lass ich mir eine Perücke machen». Büchner weiss seine Figuren ins rechte Licht zu setzen.

 

Wisse, wie du gefallen kannst!

 

Doch ist da viel Oberfläche und wohl auch Bühnenschnickschnack. Hérault hat ein Anliegen, eine Vision, ein amendement zum Kanon der Menschenrechte: «Jeder muss in seiner Art geniessen können, jedoch so, dass keiner auf Unkosten eines anderen geniessen oder ihn in seinem eigentümlichen Genuss stören darf.» Zwar sind das die Worte Büchners, doch treffen sie Héraults Lebensmaxime. Der Mensch ist seiner Anlage nach ein ästhetisches Gesamtkunstwerk, seine vornehme Pflicht heisst Selbsterkundung, und diese ist physiologischer Natur. Schule und verfeinere deine Sinne; wisse, wie du gefallen, geniessen und befriedigen kannst. Den Folgesatz freilich – dass nämlich Imperative, die sich im Formalismus härener Pflicht verlieren, «unsittlich» sind, weil sie zu terreur und Gulag führen – hätte Hérault nicht formuliert. Ein politischer Kopf war er nicht. Und auch das Denken ist ihm ein physiologischer Vorgang, der zwangsläufig scheitert, wo Anstrengung und Verbissenheit aufkommen. Leicht soll alles sein; Leben ist geglückte caprice, die Laune ein Kostüm der Wahrheit.

 

Marie-Jean Hérault de Séchelles wächst im Anjou auf, in kalten Familienschlössern, zwischen einer Grossmutter und einer Mutter, die beide ebenso gottergeben wie königstreu sind. Der Vater (doch sind verschiedene «Väter» im Gespräch) fiel knappe zwei Monate vor Marie-Jeans Geburt bei der Schlacht von Minden. Leicht hat der begabte Junge hohe Protektion gefunden; der Maréchal de Contades, die Gräfin de Polignac, die zugleich seine Tante ist und die Vertraute Marie-Antoinettes. Gegen den mütterlichen Glaubensfimmel opponiert er früh mit einem natürlichen Atheismus, die Sensualisten und Materialisten sind seine Jugendlektüre, einer theologischen Laufbahn, von der Mutter gewünscht, zieht er die Advokatenrobe vor. Sein Erfolg ist kaum aufzuhalten. Damit ihm Louis XVI im Dezember 1777 den begehrten Rechtstitel eines Avocat du Roi au Châtelet verleihen kann, muss der Achtzehnjährige als Fünfundzwanzigjähriger ausgegeben werden. Seinen Beruf nimmt er leicht, folgt zwar seinen Begabungen, aber ohne zu triumphieren. Wie ein Naturalist beobachtet er die Gesellschaft, hört zu, registriert, wer wann wo weshalb wie gesprochen und gewirkt hat. Seine Vorliebe für die rhetorische Selbstinszenierung verfeinert er bei Mademoiselle Clairon.

 

Gesellschaftlicher Erfolg ist kein Zufall, sondern zu planen und systematisch zu optimieren. Hérault selbst ist der Ausweis seiner Theoreme; sein Wesen gefällt, und es ist nicht immer klar, was er hinter seinen Galanterien «wirklich» denkt. So wandelt er mit dem einen Bein noch auf aristokratischem Grund (zweifellos wissend, wie alles bebt), mit dem anderen schon im Reich der «orateurs du genre humain». 1788 bringt er, leichtfertig und an deren Erfolg im Grunde nicht zweifelnd, eine kleine Schrift zum Druck. «Codicille d'un jeune habitant d'Epône» heisst das Werk; Epône, das ist der herrschaftliche Landsitz Hérault de Séchelles'. Man trifft sich dort zu atheistischen Abendgesellschaften.

 

Eine Naturgeschichte des Genies

 

Ein «Krautjunker in einem alten Schloss, das sich über die mantuanische Ebene erhebt», sei von neuen Ideen heimgesucht worden; Ideen, die genügend bedeutsam seien, um in allem Freimut vorgetragen zu werden. Und also sei diese kleine «Theorie des Ehrgeizes» verfasst worden. Denn es gelte, das Geheimnis zu ergründen, weshalb grosse Männer gross geworden seien. Darauf folgen vierundzwanzig «allgemeine Regeln, wie man ein Genie wird». Héraults Position ist unschwer einzuordnen; ein strikter, ästhetischer Individualismus, der sich an Buffons Histoire Naturelle orientiert, um die inneren Wirkgesetze der Gesellschaft gleichsam naturhistorisch zu beschreiben. Gesellschaft bedeutet Erfolg, Erfolg beruht auf Genie, Genie heisst Kopf, und der Kopf selbst wiederum ist Agent eines Geistes, der selbsttätig zu arbeiten beginnt, falls die notwendigen Ingredienzen in der notwendigen stofflichen Zusammensetzung sich entfalten können. «Sobald also der Kopf begonnen hat, tätig zu werden, muss man alles Räsonieren (Menschen und Bücher) von sich fernhalten.» Die geistige Tätigkeit lässt sich «mittels Tabellen» erfassen, vergleichen, studieren, notfalls optimieren. Die Denkkraft ist «proportional dem inneren Leben», und alles, was Wärme, Bewegung, Empfindung und Leben von innen nach aussen zieht, «vermindert» zugleich die Kraft und schwächt den Geist. Ähnlich blind und schlechterdings notwendig entwickelt sich das Kunstschöne – «Mechanik und Poesie ähneln einander sehr». Kraft und Klarheit des Urteils «entsprechen dem Grad der Sauberkeit in der Luft», doch dürfe man diese nur zu einer bestimmten Zeit und «nicht im Übermass» einatmen. Die Seele – schillerndes Wort aus dem Mund eines Atheisten – entwickelt ihre Aktivitäten parallel zu denjenigen des Verdauungstraktes. Damit sie unbeschwert ist, muss der Bauch unbeschwert sein, folglich ist – mit einem Wort von Héraults Freund Antoine de Lasalle – «das Klistier das nützlichste Instrument für einen feurigen Philosophen».

 

So analysiert und klassifiziert Hérault alle Erscheinungsformen des Geistes, welche einem ehrgeizigen Mann auf dem Weg zu Ruhm von Nutzen sein können. Wie lassen sich einzelne Fähigkeiten auf Kosten der andern steigen? Wie ist die Lektüre zu optimieren? Wie der Charakter? Die Menschenkenntnis? Die Konversation? Die «Form» der Bücher? Die «Kunst» des Vortrags? Nirgendwo verbirgt Hérault de Séchelles seinen Willen zur Dominanz; Triumph soll sein, wo andere nur ästhetischen Formwillen kennen. Mehr noch. Es geht um einen sozialen «Aktionsplan». So ist auch das sechste Kapitel überschrieben, und dessen zweite Maxime lautet: «Es kommt nicht darauf an, bescheiden zu sein, sondern der erste.» (Und darf ein Genie nicht kuriose Zwischenstücke gebären? Etwa: Man suche zu beobachten, was es «mit der Idee der Schwäche und der Eitelkeit bei den Frauen» auf sich hat. Und: Geh nicht zu oft zu den Frauen. Deine Denkkraft wird matt. Ferner können Frauen kraft der biologischen Wirkgesetze zu den Siegern nicht gehören. Ein guter Gedanke in konventioneller Form – eine hübsche Frau in einem alten Kleid . . . Hérault ist ein Frauenfreund. Was nicht hindert, dass die Lehre vom «Physiologischen Schwachsinn des Weibes» in ihm einen galanten Anhänger gefunden hätte.)

 

Wie ernst sind diese Anleitungen gemeint? Sind sie mehr als das Selbstgespräch eines aristokratischen Dandys, der, was er zu erreichen vorgibt, längst schon in seinem Besitz weiss? Die Auflage jedenfalls ist klein, die Lektüre nicht «für jedermann» geeignet. Ein Snob spricht zu seiner erlesenen Gemeinde, Spott und Überlegenheit sind ihr Erkennungsmal. Dass die «Theorie des Ehrgeizes» kein Buch ist, welches seinen Autor ohne Schaden durch die Fährnisse von Revolution und terreur bringen wird, liegt auf der Hand. Ein einziges Fahnenexemplar hat die Jahre überdauert."

 

Rezension aus der Neuen Züricher Zeitung