Maurizio Viroli: Das Lächeln des Niccolo Machiavelli und seine Zeit

 

Die Rezension von Hanno Helbling aus dern Neuen Züricher Zeitung:

"Er habe den bisher erschienenen Lebensbeschreibungen Machiavellis nichts Neues hinzuzufügen, sagt Maurizio Viroli im ersten Satz seines Buchs. Das würde auch dann sympathisch anmuten, wenn es nicht so ganz stimmte; aber es stimmt. Er wolle jedoch, fährt er fort, Machiavellis Leben auf neue Weise erzählen. Das lässt aufhorchen; nur findet man auf den dreihundert Seiten, die man dann liest, die Absicht nur andeutungsweise verwirklicht. Trotzdem ist neu, was – und wie es – Viroli erzählt: für Leserinnen und Leser, die Machiavellis Geschichte nicht näher kennen; und das sind viele.

 

Der Autor, Professor in Princeton, ist (unter anderem) Machiavelli-Spezialist, aber er hat dieses Buch nicht für Spezialisten geschrieben; er erläutert die Gedankengänge des politischen Schriftstellers ohne unzulässige Vereinfachungen, aber auch ohne beschwerliche Gelehrsamkeit; er ordnet die Werke in den Lebensgang ein und hebt ihre historischen Bedingtheiten hervor, wobei doch immer spürbar bleibt (bleiben soll), dass und wie ihre Bedeutung über die Situationen hinausgewachsen ist, aus denen sie stammen. Das Anekdotische kommt nicht zu kurz, darf aber nicht zur Erklärung der Aussagen dienen.

 

Machiavelli habe gelächelt, versichert uns schon der Titel des Buchs, und der Autor kommt des öfteren darauf zurück. Die Ikonographie scheint es zu bestätigen, aber man sollte sie nicht als Psychographie verstehen. Porträtiert wird ein Mann, der ohne äussere Würdezeichen auskommen muss; weder vornehm geboren noch zu hohen Ehren gekommen: vierzehn Jahre lang Kanzleisekretär der Stadtrepublik Florenz, nach der Restauration der Medici mit 43 Jahren entlassen und von den Geschäften lange Zeit ferngehalten; erst spät und nur von Fall zu Fall, ohne Amt oder Titel wieder verwendet. Keine repräsentative Persönlichkeit, aber ein kluger Kopf; man billigt ihm eine stille Überlegenheit zu.

 

So wird von der Biographie her verständlich, was einige Bilder (nicht alle) sagen; aber das Lächeln der Bilder lässt sich nicht in die Lebensgeschichte zurückübersetzen. Aus Virolis Darstellung geht vielmehr hervor, dass Machiavelli ausdauernd gehadert, getrauert und viel gelacht hat. Dass diese Dialektik gerade Hegel entgehen musste: «Man kann wahrnehmen», sagt er, «dass ein Mann, der mit dieser Wahrheit des Ernstes spricht, weder Niederträchtigkeit im Herzen noch Spass im Kopfe hatte.» Ein Satz, vor zweihundert Jahren geschrieben und gegen die moralistische Machiavelli-Kritik jener Zeit gerichtet, aber kein letztes Wort über den notorischen Witzbold und Komödiendichter, der Machiavelli auch war.

 

Der verzehrende Ernst, mit dem er seine politischen Theorien – die stets als Ratschläge gemeint waren – vortrug, die Verzweiflung darüber, dass in Florenz die Erneuerung der Republik, das Hauptziel all seiner Agitation, nicht zu erreichen war, der satirische Übermut, die provozierend auf «Spass» gerichtete Lebensführung: sie ergeben kein Durchschnittslächeln, sondern einen scharf gespannten Seelenhaushalt. Weniger harmonisierend, als der Titel seines Buchs befürchten lässt, führt ihn Viroli vor; seine Nachrichten verdienen alles Vertrauen."

Endlich eine echte Alternative zur spröden Rororo-Monographie.